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Foto: Merlin Nadj-Torma Zuhören:
Pfarrerin Friederike Weltzien im Gespräch mit Scheich
Hassan Scharifi.
Foto: Merlin Nadj-Torma
Hinter
den Familienkrisen steckt oft ein traurig-einfaches
Strickmuster.
Foto: Merlin Nadj-Torma
Ein
Verbündeter von Außen - ein Glücksfall. |
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Libanon: Eine Pfarrerin hat mit einem
Scheich eine interreligiöse Eingreiftruppe gebildet.
Es ist trügerisch still in Hassan Sharifis
Büro. Lauwarmer Wind drückt gegen die Vorhänge, leise weht
Geschrei von Straßenverkäufern herein. Dann klingelt
Sharifis Handy. "Darf meine Frau im Ramadan Augentropfen
nehmen?", will der Anrufer wissen. Es ist der fünfte
Anruf in einer halben Stunde. Hassan Sharifi, ein pummeliger
Mann mit Vollbart und Turban, ist ein Scheich, ein islamischer
Religionsgelehrter. "Augentropfen enthalten Vitamine, die
sind während der Fastenzeit nicht erlaubt", antwortet er
geduldig. Kaum hat er aufgelegt, klingelt das Handy erneut. Am
Telefon ist Friederike Weltzien, die deutsche evangelische
Pfarrerin von Beirut und die einzige im Nahen Osten. Sie teilt
sich die Stelle mit ihrem Mann. Beide gehören zu den rund 120
Pfarrern, die die Evangelische Kirche in Deutschland in die
Welt schickt. "Ist etwas passiert?", fragt Sharifi
sie besorgt. Sie verabreden für den Nachmittag ein Treffen in
seinem Büro.
Der Scheich und die Pfarrerin sind so etwas
wie eine "interreligiöse Eingreiftruppe" im
Libanon. Gemeinsam vermitteln sie in Familien, in denen eine
Deutsche mit einem Libanesen verheiratet ist. Dabei sind sie
mit Tragödien konfrontiert: Gewalt an der Ehefrau, Kindesentführung
oder drohender "Ehrenmord" an der Tochter.
Verbrechen, die meist auf die Religion geschoben werden.
"Es steht so im Koran!", verteidigen sich die Täter.
"Eben nicht!", hält Sharifi dagegen und zitiert
Koranstellen, die das Gegenteil belegen. "Es ist
vielleicht Tradition – Religion ist es nicht!"
Kurze Zeit nach dem Telefonat bricht die
Pfarrerin mit dem VW-Bus der evangelischen Gemeinde auf, um
zum Büro des Scheichs zu fahren. Am Autoschlüssel, mit dem
Weltzien den VW-Bus startet, baumelt eine goldene Hand, aus
der ein großes Auge blickt. "Das Amulett soll vor
Neidern schützen", erklärt sie. Dass das Amulett ein
islamisches Symbol ist, stört sie nicht. "Wer sich nicht
einlässt, kann nichts bewirken", lautet ihr
pragmatisches Motto. Weltzien, eine Mitvierzigerin mit
schulterlangen Haar, weiß, wovon sie spricht. Seit gut drei
Jahren arbeitet sie mit dem Scheich zusammen.
Eigentlich ist ein religiöses Miteinander
nichts besonders im Libanon. 18 Religionsgemeinschaften
tummeln sich in dem 4,8-Millionen-Einwohner-Staat, darunter
Schiiten und Sunniten, aber auch christliche Kirchen, wie die
Maroniten. Die Religionen leben durchaus friedlich zusammen
– zumindest an der Oberfläche.
Als Weltzien aus der Hofeinfahrt der
Gemeinde fährt, kommt ihr Layal (Name geändert) entgegen,
eine junge Libanesin Anfang zwanzig. Weltzien winkt ihr im Vorüberfahren
zu. Vergangenes Jahr hatte Layal einen Familiestreit, in dem
Weltzien und Sharifi vermittelten. Layal trägt enge, schwarze
Kleidung, die langen Haaren offen. Um den Hals hat sie eine
Kette mit einem kleinen silbernen Schwert. Ein Zeichen, dass
sie eine Schiitin ist.
Layal kommt zu Besuch in die evangelische
Gemeinde. "Hier kann ich auftanken", erklärt Layal.
Sie kommt, um die deutsche Sprache zu hören – ihre
Muttersprache. Als Layal siebzehn war, wurde sie mit ihrer
Familie in den Libanon abgeschoben. Für Layal ein fremdes
Land. Aufgewachsen war sie seit ihrem siebten Lebensjahr in
Deutschland. Im Libanon verhielt sie sich zunächst
unbefangen, wie sie es gewohnt war. Dabei verletzte sie die
"Familienehre".
Die "Ehre" ist im Libanon ein
kostbares Gut. Sie gilt zum Beispiel als verletzt, wenn eine
Tochter Sex vor der Ehe hat. Der Familie, aus der die Tochter
stammt, droht ein "schlechter Ruf". Um eine soziale
Isolation abzuwenden, muss die Familie die Tochter verstoßen.
In extremen Fällen begeht sie einen "Ehrenmord" an
der Tochter.
Damals, vor einem Jahr, kommt in der
Familie der Verdacht auf, Layal hätte die "Ehre"
zerstört. Layal erkennt die Gefahr und versteckt sich. Sie
bittet Weltzien um Hilfe, die Sharifi hinzuruft. Eine
Vermittlungsaktion beginnt.
Scheich Hassan spricht mit dem Vater. Der
Vater ist ratlos. Die eigene Tochter umbringen, um die
"Familienehre" wiederherzustellen? Eine unmögliche
Situation. Der Vater reagiert nicht aggressiv oder wütend,
sondern ist schlichtweg verzweifelt. "Ich verstehe deine
Gefühle", sagt Sharifi zum Vater. "Aber wenn du
dich verhalten willst, wie es der Koran vorsieht, musst du das
nicht machen!". Mit diesen Worten fängt Sharifi die
Verzweiflung des Vaters auf.
Die Pfarrerin und der Scheich beginnen, mit
der Familie zu verhandeln. Mit wem darf sich Layal treffen –
ohne Begleitung des älteren Bruders? Was für Kleidung darf
sie tragen? Wann muss sie abends nachhause kommen?
Die Verhandlungen dauern eine Woche. Neben
den Familienkonferenzen finden Einzelgespräche statt, mit dem
Vater, dem Bruder, der Mutter. Schließlich hat die
Vermittlung Erfolg. Seit einem Jahr lebt Layal wieder zuhause.
Es herrscht ein zarter Frieden.
Oft steckt hinter den Familienkrisen, in
denen Sharifi und Weltzien vermitteln, ein traurig-einfaches
Strickmuster. Meist sind Ehemann und Bruder arbeitslos. Sie fühlen
sich unter Druck, ihre traditionelle Führungsrolle in der
Familie auszufüllen. Hierfür müssen vermeintlich
"religiöse" Bräuche herhalten, stets zu Lasten der
Frauen. Die Arbeitslosigkeit liegt im Libanon bei geschätzten
20%.
Auf ihrem Weg zu Sharifis Büro hat
Weltzien den Stadtrand von Beirut erreicht. Autos hetzen über
fünfspurige Schnellstraßen. Von einem verwunschenen Orient
keine Spur. Am Straßenrand ist großflächige Plakatwerbung
aufgestellt. Ein Fotomodell räkelt sich in Dessous, Zahlen in
Neonfarben verkünden neue Handytarife. Das Konsumangebot
einer modernen Großstadt. Der Libanon gilt als eines der
westlichsten arabischen Länder.
"An der Oberfläche wirkt die
Gesellschaft hier sehr europäisch und liberal. Aber im
Untergrund ist sie so orientalisch!", ruft Weltzien gegen
die hupenden Autos. "Orientalisch" sei vor allem der
Umgang mit den eigenen Töchtern: "Ich habe die
liberalsten Männer erlebt, die in Deutschland oder den USA
ausgebildet sind. Und sie erlauben nicht, dass ein Mann mit
ihrer Tochter spricht, bevor ihn die Familie nicht genau
begutachtet hat!"
Weltzien ist aufgebracht. Trotzdem hält
sie sich zurück. "Mit Besserwisserei bewegt man doch
nichts", lautet ihre Erfahrung. Außerdem: Sind unsere
westlichen Werte denn wirklich so überlegen? Weltzien will
zuhören, nur eingreifen, wenn sie darum gebeten wird. Vor
drei Jahren hörte sie von einem Scheich mit liberalen
Ansichten. Sie rief ihn kurzerhand an: Wollen wir nicht
zusammen arbeiten? Ein Verbündeter von Außen – ein Glücksfall.
Weltzien kennt den Libanon seit ihrer
Kindheit. Damals arbeitete ihr Vater als deutscher
Gastprofessor einige Jahre in Beirut, die Familie begleitete
ihn. Die frühen Eindrücke einer fremden, bereichernden Welt
waren prägend. Vor vier Jahren ist sie zurückgekehrt und
leitet seither mit ihrem Mann Uwe die Gemeinde.
Während sich Weltzien durch den Verkehr kämpft,
sitzt Sharifi konzentriert in seinem Büro. Er schreibt an
einem Vortrag: „Muslime und Christen leben unter einer
gemeinsamen Sonne“. Das Teamwork mit der Pfarrerin ist auch
für Sharifi nicht ungefährlich. Zwischen 1975 und 1990
herrschte im Libanon ein Bürgerkrieg, bei dem sich die
Religionsgemeinschaften offen bekämpft haben – auch
Christen und Muslime. Der Bürgerkrieg ist lange her, wurde
aber öffentlich nie aufgearbeitet. Der Vielvölkerstaat ist
seit jeher politisch sehr wechselhaft. Grenzgänger wie
Sharifi sind vielen ein Dorn im Auge.
Es klopft an Sharifis Bürotür. "Die
deutsche Pfarrerin ist da", meldet die Sekretärin.
Sharifi und Weltzien begrüßen sich kurz. Weltzien hat
Telefonnummern, die vielleicht neue Anhaltspunkte in einer
Kindesentführung ergeben. Bevor Sharifi den Telefonhörer
abhebt, hält er kurz inne. Einen Augenblick lang herrscht in
seinem Büro trügerische Stille.
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