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Foto: Thilo Guschas Maria
vom Hip-hop-Duo Tigresse Flow aus Casablanca.
Foto: Thilo Guschas
Erst
vor vier Jahren schrieb Marokkos junger König Muhammad VI.
das Familienrecht grundlegend um. Abgeschafft wurde die
Pflicht der Frau, dem Mann zu gehorchen.
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Tigresse Flow ist das
erste weibliche Hip-hop-Duo in Marokko.
Der Abend könnte eine Zitterpartie
werden für Maria und Sofia. Die beiden haben sich maximal
herausgeputzt. Sie tragen glänzende Hemden, auf die ein
silberner Schriftzug gedruckt ist, die Haare offen, frisch
gelegte Dauerwelle, bestäubt mit Parfüm, das nach
Zuckerwatte riecht. Mit weit aufgerissenen Augen staunen
sie, was für Massen von marokkanischen Jugendlichen vor
der Spor
th
alle zusammenströmen. An die drei-, vierhundert sind es
schon jetzt, die meisten von ihnen Jungs, mit pickeligen
Gesichtern und drahtigen Schnurrbärten. Nicht alle tragen
die obligatorischen tief hängenden Jeans, mit denen sich
auch in Marokko die Rapfans outen. Möglicherweise sind
Islamisten unter ihnen. Oder, vielleicht noch schlimmer,
Angehörige von Maria oder Sofia.
Die beiden sind das Rap-Duo "Tigresse
Flow", heute geben sie ihren ersten Auftritt. Ihre
bloße Existenz ist für Marokko schon eine mittlere
Sensation. Eigentlich tun sie nichts weiter, als sich in
den Hip-hop-Boom einzuklinken, der in Marokko derzeit
floriert. Längst ist Rap auch hier eine Art
elektronischer Straßensport für jedermann geworden. Wer
einsteigen will, braucht nur drei Dinge: einen PC mit
Mikro, heruntergewürgten Frust auf König und Staat, und
heiße, unbestimmte Träume von einem Leben im Westen. Und
so machen marokkanische Youngsters, was auch Jugendliche
in Indien, Südafrika oder Nigeria tun, sie schrammeln
hausgemachten Hip-hop zusammen, nach dem Vorbild von
US-Musikclips, die sie aus dem Satellitenfernsehen und dem
Internet auswendig kennen, träumen vom Popstar-Sein,
einem Leben im Westen. Doch bei aller
Globalisierungsgleichheit, der Hip-hop made in Marokko hat
eine Länderbesonderheit, eine pikante orientalische Note:
Frauen sind als Akteure unerwünscht.
Maria, mit Künstlernamen "MC Flow",
schnaubt ins Mikro. Sofia, die sich "Destrata"
nennt, kreischt den Bandnamen: Tigresse Flow! und setzt
mit rauchiger Stimme einen Rapschwall frei, in "Hier
sind wir"-Attitüde, die beim Rap nunmal dazugehört:
Wir sind scharf wie Tequila... Computerdrums und Bass
dreschen wild drauf los. So klingt ihr erster Song auf CD,
vor kurzem erst eingespielt, bislang noch ohne Titel. Da lässt
jemand viel, viel Ärger raus. Die Tigerin ist
aufgebracht, die Wut gerade noch in Rhy
th
mus gebändigt. Die nächste Einspielung, die die beiden
planen, nennt das Kind beim Namen: Les droits d'une dame
marocaine lautet der Songtitel. Das Lied schreit
propagandistisch-hoffnungsfroh heraus, was sich alles
unter dem jungen König Muhammad VI. tut. Über den
Rundumschlag der feministischen Gesetzesänderungen, die
es vor einigen Jahren gab, über die Hoffnung, dass Frauen
nun endlich in Männerdomänen hinein dürfen.
Die Masse der Wartenden schwillt weiter
an. Eine halbe Stunde noch bis zum Konzertbeginn. Fünf
Rap-Acts sollen heute auftreten, Veranstaltungsort ist der
Complexe Hassan II, ein staatliches Freizeitcenter, eine
dreiviertel Autostunde vom Stadtzentrum Casablanca. Aus
einer der Hallen dringen aufgekratzte Hurra-Schreie der
lokalen Karategruppe, die ihren monatlichen Showkampf
veranstaltet. Kinder aus dem angrenzenden Viertel rasen
mit dem Fahrrad zwischen den Wartenden herum, klingeln,
schreien. Das Kennzeichen marokkanischer Hip-hop-Konzerte
sind die unvermuteten Orte an denen sie steigen: es können
Spor
th
allen sein oder Kinos. Hip-hop, wie alle andere
Jugendkultur, hat hier nur gratis eine Chance. Rap in
teuren Konzer
th
allen? Undenkbar. Interesse, sogar brennendes, ist aber
da. Jeder dritte Marokkaner ist jünger als 15. Eine
demographische Schlagseite der anderen Art, aus deutscher
Sicht irrwitzig. Es gibt keine Jobs, vor allem nicht für
junge Menschen. Offiziell beträgt die Arbeitslosenquote
11,6 Prozent. Ob diese Angabe so stimmt, darf bezweifelt
werden. Anders ist die Protestaktion kaum zu erklären,
die 20 Mitglieder der Gruppe "Unabhängige Nationale
Arbeitslose" vor gut einem Jahr in der Hauptstadt
Rabat unternommen haben. Sie tränkten ihre Kleidung mit
Petroleum und versuchten, sich selbst zu verbrennen.
Ein Interview? Ein nicht-öffentlicher
Ort wäre uns ganz lieb, sagt Maria am Telefon, eine Woche
vor dem Konzert. Wir einigen uns auf den Besprechungsraum
des "Hotel Suisse" in Casablanca, in Ayn Diab,
dem Viertel der Bars und Diskos, der zaghaft-verruchten
Lokale, die den Anschein europäischer Realität
vermitteln. Dann erscheint eine merkwürdige Prozession:
Ein junger Mann kommt als Vorhut ins Hotelfoyer, die
beiden Rapperinnen warten draußen. Gibt es Ärger? Ein
Verwandter der beiden, der ältere Bruder? Er steuert auf
mich zu, und auf sein Zeichen kommen die beiden hinterher.
"Ich bin Redal, der Manager von Tigresse",
stellt er sich vor. Hinter ihm bauen sich vorsichtig Maria
und Sofia auf – die wütende Tigerin – , strecken ihre
Hände zum Gruß aus, ihre Augen funkeln schüchtern.
Maria, die Ältere der beiden, ist die
Wortführerin. Sie hat ein hübsches, herzförmiges
Gesicht und hört zu, erns
th
aft, mit gerunzelter Stirn. Warum machen die beiden Rap?
Natürlich ist es der Traum vom Berühmtwerden, aber in
erster Linie bekämpfen sie den "Rassismus der
marokkanischen MCs", die die Frauen nicht ernst
nehmen. Auf ihrem Weblog löscht Maria regelmäßig die
frauenfeindlichen Kommentare, die wie Unkraut sofort
wieder nachwachsen. Die Idee, einen Rapsong über die
Rechte der marokkanischen Frau zu machen, stammt von
Maria. Es ist gewissermaßen eine Singleauskopplung der
Jura-Abschlussarbeit, an der sie gerade schreibt: wie sich
die marokkanischen Frauenrechte entwickelt haben in den
letzten 50 Jahren.
Die mit Abstand einschneidendste Änderung
geschah vor rund vier Jahren, als Marokkos König Muhammad
VI. die Moudawwana grundliegend umschrieb, das
Familienrecht. Wer die Änderungen auflistet, erschrickt,
was bis zu diesem Zeitpunkt geltendes Recht gewesen war
– in Marokko, dem vielleicht westlichsten Land der
arabischen Welt. Abgeschafft wurde die Pflicht der Frau,
dem Mann zu gehorchen. Daneben wurde die Polygamie stark
erschwert. Durch den Gesetzesumbau erhielten Frauen
erstmals das Recht, selbst eine Scheidung einzureichen,
sowie die Möglichkeit, im Falle einer Trennung das
Erziehungsrecht für die Kinder zu bekommen. Das
Mindestalter für die Hochzeit wurde von 15 auf 18
gesetzt. Eine ausgesprochen lange, sehr grundlegende Liste
von Änderungen, die nach beherztem Aufbruch klingt.
Muhammad VI. war Mitte 30, als er den 1999 Thron bestieg,
ein flammender Liberalisierer und Modernisierer. Er hat
promoviert über die Beziehungen zwischen Marokko und der
EU, seine Frau ist Informatikerin.
Soweit die Änderungen am Reißbrett
– in der Realität gibt es Crashs, schmerzliche
Zusammenstöße zwischen westlichen Träumen und
orientalischer Wirklichkeit. Maria will promovieren, um
Richterin zu werden. "Damit wäre ich die zweite in
Marokko", sagt sie. Sie benutzt die gleichen Worte,
mit denen sie über ihre Rapband spricht, "ich will
ein Zeichen setzen!" Fast, als wäre der symbolische
Kampf das eigentlich Wichtige, und das ehrgeizige
Berufsziel nur Nebensache. Im Augenblick ringt sie mit der
ersten, nicht unbedeutenden Hürde. Ihre Eltern hat sie
bislang nicht in ihre Karrierepläne eingeweiht.
Maria ist 23 und lebt, wie es in der
arabischen Welt üblich ist, noch solange zuhause, bis sie
heiratet. Zunächst, hat sie sich vorgenommen, will sie
ihren Eltern erstmal beichten, dass sie Rapmusik macht.
Das weiß bislang niemand aus ihrer Familie, nicht einmal
ihre beiden Brüder. Maria hat Angst, dass die sie
verpfeifen könnten – die Treue zu den Eltern hat in
Marokko ein hohes Gewicht.
Marias und Sofias Eltern sind gut
situiert, und man könnte phantasieren, daher auch liberal
und aufgeklärt. Marias Vater leitet eine Logistikfirma,
ihre Mutter ist Informatikerin. Auch Sofias Vater hat eine
gehobene Stellung, in einer Firma für
Sicherheitstransporte, ihre Mutter ist Apo
th
ekerin. Marias eigentlicher, arabischer Name ist Hind,
aber so nennt sie keiner, nicht einmal die Eltern. Auch
die rufen sie europäisch, Maria. Die europäische Kultur
ist positiv besetzt, aber das heißt nicht, dass man europäische
Sitten automatisch übernimmt. Auch Sofia verheimlicht vor
ihren Eltern, dass sie Raptexte schreibt und singt.
Vielleicht, meint Maria, legt sie eines Tages einfach ein
fertiges Tigresse-Album zuhause auf den Tisch, und schaut,
wie die Eltern reagieren. Es ist ein sehr eventuelles
Vielleicht. Bislang gibt es ja nur den einen Song.
"Das fertige Album" ist ein Mammutprojekt, das
Monate oder auch Jahre dauern kann, bis es Wirklichkeit
geworden ist.
Als wir uns zum Interview treffen, ist
gerade die neue TelQuel erschienen, Marokkos liberale
Oppositionszeitung. Maria und Sofia haben die Ausgabe
bereits gelesen, "natürlich!" Heftaufmacher ist
"ein neues Phänomen, das täglich an Bedeutung
gewinnt: SINGLES." Es geht um Selbstbestimmung,
unehelichen Sex, das Abwägen zwischen Familie und
Karriere – und damit auch um ein selbstbewusstes,
selbstbestimmtes Frauenbild, für das Tigresse Flow
eintreten.
TelQuel knöpft sich regelmäßig mit
heißhungrig-aufklärerischem Geist Themen vor, über die
in Marokko Schweigepflicht herrscht. Vor wenigen Wochen
druckte die Zeitschrift ein Interview mit dem
marokkanischen Schriftsteller Abdellah Taϊa, über
dessen Coming out. Er ist der erste bekennende schwule
Autor des Landes. Ein starkes No-go-Thema. Die drei großen
Bereiche, zu denen in Marokko keine Kritik geduldet wird,
sind das Königshaus, die Religion und das Vaterland. Wie
streng diese Tabus sind, testete vor kurzem Nichane, ein
Magazin aus dem gleichen Verlag wie TelQuel, und brachte
eine Titelgeschichte über religiöse Witze. Eine
Kostprobe: "Als der Islamist feststellte, dass er
schwul ist, legte er sofort einen Schleier an." Was
anmutet wie ein doch eher mäßiger Kalauer von Klaus
& Klaus, hat in Marokko höchste Brisanz. Zwei
Nichane-Journalisten wurden verklagt. Vergeblich beriefen
sie sich auf die Pressefreiheit, die offiziell in Marokko
herrscht. Für "Schädigung des Islams"
erhielten sie drei Jahre Bewährungsstrafe, zwei Monate
Berufsverbot und umgerechnet 7000 Euro Geldbuße.
Derart brenzlig ist das Tabu
th
ema Singlesein zwar nicht – aber es trifft auf andere
Weise ins Mark. Die zunehmende Zahl von Singles stellt die
marokkanische Gesellschaft in Frage. Immerhin reicht in
einigen arabischen Ländern schon der Verdacht, dass eine
Frau ein uneheliches Kind erwartet, um einen
"Ehrenmord" auszulösen. Bislang fand das
marokkanische Leben in einem Nest aus Großfamilie und
Nachbarschaft statt, das, je nach Perspektive,
herzlich-warm ist, oder aber erstickend eng.
Doch nun zeichnet sich ein Änderungsschub
ab. Die Regierung hat sich nicht weniger vorgenommen, als
das gesamte Land umzusatteln, vom Agrarstaat in eine
Dienstleistungsgesellschaft. Derzeit sind gut 60% der
Arbeitstätigen Landwirte, Fischer, Bauarbeiter. Sollten
die urbaneren, intellektuellen Berufe zunehmen, ist mehr
Mobilität zu erwarten, und damit eine Gesellschaft, in
der die soziale Kontrolle milder ausfällt als bisher. Wer
in einem anonymen Wohnblock lebt, wird nicht von Nachbarn
angekreidet. Ein Traum von einem solchen, urbanen Leben
schwingt mit, wenn TelQuel offensiv wirbt: "Wir als
Single lebt, verzichtet auf einen Partner. Dafür kann man
mehr als einen haben!" Was nach seichter
Ratgeberliteratur klingt, ist in Marokko eine Waffe, die
der alten Ordnung ist Herz sticht.
"Dies geht im Kopf eines
Single-Mannes vor ... und dies bei einer
Single-Frau!", behauptet die Headline einer
Doppelseite, auf der die Geschlechter gegengestellt sind.
Der Frauen-Artikel gesteht: "Ich bin schon über die
32 hinaus – und noch immer Single. Ja, noch immer! Ich
habe ein erfolgreiches Berufsleben aufgebaut, das bereue
ich nicht. Was ich suche, ist ein Mann, der mich
respektiert, der aktiv teilnimmt am Haushalt und der
Erziehung der Kinder – falls es denn welche gibt."
Eine durchschnittliche deutsche Kontaktanzeige könnte,
wenn auch anders verpackt, das gleiche Anforderungsprofil
en
th
alten. Auch die Alltagsprobleme der marokkanischen Singles
klingen vertraut: "Meine verheiratenen Freundinnen
sind unglaublich anstrengend. Ihre ewigen Pärchengeschichten
gehen mir so auf den Geist!" Schließlich kommt der
Sex aufs Tapet. "Darüber könnte ich nicht offen
sprechen. Jungfräulichkeit ist ein Tabu
th
ema für mich. Aber ich will Ihnen etwas gestehen. Viele
meiner Freundinnen haben nicht-ehelichen Sex, auch wenn
sie mir es nie direkt gesagt haben."
Ja, den Single-Artikel haben Maria und
Sofia gelesen. Sie sprechen aufgewühlt darüber. "Es
gibt da eine rote Linie, über die wir auf keinen Fall dürfen.
Wir wollen das Vertrauen unserer Eltern nicht missbrauchen!
Die Frau hat ihre Ehre!", meint Maria, und umschreibt
damit das Unaussprechliche – Sex vor der Ehe. Das ist für
beide von ihnen undenkbar. Ich zögere. Ich bemerke, dass
ich mir die beiden Rapperinnen vorgestellt habe als
deutsche junge Frauen, die sozusagen in ein arabisches
Land verpflanzt worden sind. Junge, europäisch-liberale
Menschen, die im Klintsch liegen mit der strenge Moral der
Altvordern. Eine naive Annahme. Die beiden sind hier groß
geworden, entwickeln ihre Haltungen, indem sie sich mit
hiesigen Regeln auseinandersetzen. Ich frage Sofia: Warum
gelten die Verbote nur bei Frauen? Nicht-ehelicher Sex ist
bei arabischen Männern ein Kavaliersdelikt. Ist das nicht
einseitig? "Einige Verbote sind durchaus
positiv", entgegnet sie. "Wir Frauen dürfen zum
Beispiel nicht in der Öffentlichkeit rauchen. Was
verlieren wir denn dabei? Rauchen macht nur den Körper
kaputt." Sofia druckst herum, lacht, und sagt dann:
"Tanzengehen ist eigentlich auch für uns verboten,
aber das mache ich trotzdem. In den Diskos sind mehr Mädchen
als Typen."
Tanzen, Rauchen, liberaler Sex.
Wahrlich keine zuverlässigen Anzeichen für
"Freiheit", und als kulturelle Errungenschaften
machen sie, so für sich genommen, kaum Sinn. Sie sind
willkürliche Symbole einer westlichen Ideologie. Müssen
Sofia und Maria exakt diese Symbole verwenden, um sich zu
emanzipieren?
Sofia schreibt mir die Internetadresse
ihres Weblogs auf, ich könnte doch mal etwas ins Gästebuch
eintragen. Eine lange Bildergalerie zeigt Sofia in ihrem
Zimmer, auf einem Konzert, mit Freundinnen, in der Schule.
Schnappschüsse mit Selbstauslöser, die sich kaum bemühen,
unterschiedliche Situationen einzufangen, als vielmehr
eines zeigen: Sofia-Sofia-Sofia. Kommentiert sind die
meisten Bilder lakonisch, im französischen Abkürzungsslang,
mit der Formulierung "C Moi". Sofia spürt ihrer
Wirkung nach, ihrer Sofia-Loren-Schönheit, der
wangenflaumzarte Jugend – sie ist 17. Ist der
feministische Rap für sie vielleicht nur eine Pose, um
aufzufallen, ein punkiger Quereinstieg für einen
Karrieretraum?
Wir trennen uns. Die beiden Rapperinen
winken ein Taxi heran und setzen sich beide auf die Rückbank.
Frauen, die im Taxi auf dem Beifahrersitz Platz nehmen,
gelten in Marokko als leichte Mädchen. Das Taxi ist ein
typisches Schwellenland-Auto, schepperig mit abplatzendem
Lack, die eine Hintertür schließt nicht richtig. Was wäre,
wenn sich eine der beiden dreist nach vorne setzen würde?
Der Fahrer würde einen ätzenden Spruch fallenlassen. Würde
das Sinn machen? Für diesen einen Augenblick scheint
alles festgefahren und unbeweglich. Am Rückspiegel
baumelt eine Plastikplakette, auf der eine Hand zu sehen
ist, aus der ein weit aufgerissenes Auge blickt. Ein
religiöses Symbol, das Böses abhalten soll. Darunter
steht "Sag nichts gegen unser Vaterland!"
Redal, der Manager von Tigresse Flow,
ist ein Mitschüler von Sofia, sie machen zusammen Abitur.
Ich treffe ihn in seinem Elternhaus, wo er mir einen
selbstgeschriebenen Text zeigen will, ein
"Pamphlet", wie er es nennt. Es trägt den
knappen arabischen Titelﺍﻠﺮﺪ
"al-radd, die Antwort". Er liest laut vor:
Wie könnt ihr glauben, dass ihr allein den Islam
vertretet. Auch wir Hip-hopper sind Muslime, nicht nur
ihr. Auch wir sind Marokkaner, nicht nur ihr. Wir werden
unseren Stil durchsetzen, daran könnt ihr uns nicht
hindern. Redal trägt die unvermeidlichen, in den Knien hängenden
Jeans, aber er wirkt andächtig, wie ein Messdiener. Die Sätze
rattert er herunter, tonlos brabbelnd, wie ein
verinnerlichtes Stoßgebet. Der Text ist mit
Kugelschreiber in einem Ringbuch notiert, über dem
Textanfang steht, in einem penibel ausgeführen
Schriftzug, "bismillah al-rahman al-rahim", im
Namen Allahs. Eine Formel, die normalerweise für religiöse
oder hochoffizielle Reden reserviert ist. Mit ihr will
Redal ausdrücken, dass "sie" den Islam nicht für
sich gepachtet haben – die Islamisten. Verfasst hat er
seine Streitschrift, nachdem er eine Art marokkanisches
"Sabine Christiansen" im staatlichen Fernsehen
gesehen hatte, eine Politiker-Diskussionsrunde. "Das
Studio war einseitig besetzt mit Islamisten, die alles
verrührt haben: Wer Hip-hop hört, trinkt Alkohol,
arbeitet nicht, hurt herum, ist ein Ketzer. Sie greifen
wahllos Passagen aus dem Koran, mit denen sie ihre Pseudo
th
esen belegen. Keiner hat widersprochen. Dabei gibt es
viele Hip-hop-Lieder, die von Vaterlandsliebe handeln, von
muslimischen Themen, oder sogar Texte, die gegen Amerika
sind. Aber dafür interessieren sie sich gar nicht."
Die Politiker, über die Redal sich
aufregt, vertreten die PJD, die "Partei der
Gerechtigkeit und Entwicklung", die eine gemäßigte-islamistische
Linie vertritt. In diesem Jahr stehen Wahlen an. Es gilt
als sicher, dass die PJD erstmals in die Regierung
einzieht. Sogar bis zu drei Ministerposten könnten sie
besetzen, wird spekuliert. Redal spricht aus, was viele
befürchten: dass die PJD wahrscheinlich ein Wolf im
Schafspelz ist. Dass eine Hetze losgehen werde gegen
"nicht-islamische Sitten."
Die Partei kommt gut bei den Wählern
an, denn sie verkörpert Protest: Sie sind die einzigen,
die dem König Muhammad VI. offen die Stirn bieten. Der
ist ein modernernistischer Erneuer, und das passt nicht
jedem. Die Veränderungen, wie die neuen Frauenrechte,
kommen von oben herabgesegelt – per königliches Dekret.
Muhammad VI. ist in Personalunion Staatsoberhaupt und
oberster Glaubensführer. Kritik am König zu äußern ist
sogar gesetzlich verboten. PJD zu wählen, die ein
rigoroses Islam-Verständnis durchscheinen lassen, ist ein
Umweg, über den König zu schimpfen, über die westliche
Überfremdung, für die er steht.
Redal sagt es so nicht, aber Tigresse
Flow scheinen für ihn eine willkommene Gelegenheit.
Hip-hop gesungen von Mädchen, die auch
noch über Frauenrechte rappen. Er hilft Maria und Sofia,
Texte und Fotos ins Internet zu stellen, lässt seine
Kontakte in der Hip-hop-Szene spielen. Sie sollen so groß
wie möglich herauskommen. Redal scheint das, was er an
den Islamisten moniert, einfach herumzudrehen: Eine
maximale Präsenz von Hip-hop, auf improvisierten Bühnen,
aber am besten auch im staatlichen Fernsehen, wäre schon
ein Teilsieg gegen "die Anderen." Der König
zumindest toleriert die Rapkultur, er hat zugelassen, dass
sich ein großes Underground-Musikfestival etabliert hat,
der Boulevard des jeunes musiciens, auf dem jeden Sommer
Reggae-, Fusion- und Rapbands gratis auftreten und so die
Begeisterung für westliche Kultur weiter anheizen.
In Redals Zimmer steht ein schneller
PC, ein Set aus zwei Plattenspielern, ein Mischpult. Wie
Maria und Sofia scheinen seinen Eltern gut situiert. Er lädt
mich zum Abendessen mit seiner Familie ein. Sein Vater
kommt stöhnend, gestützt auf Krücken, ins Wohnzimmer.
Ein frühpensionierter Gymnasiallehrer, mit der Aura eines
Patriarchen. "Er spricht nur Arabisch", sagt
Redal leise auf Französisch zu mir, als wäre es sich
dessen doch nicht so sicher. "Ich würde Sie gern
fragen, was Sie von Hip-hop halten", sage ich zum
Vater. Prüfend schaut er mich an. "Redal sagt, Sie
seien Journalist? Zeigen Sie mal Ihren
Journalistenausweis!", fragt er grimmig. Der Ausweis
ist in Ordnung, er beantwortet meine Frage: "Ich mag
Hip-hop nicht. Ich komme aus einer anderen Zeit. Ich meine
ich bin kein Jugendlicher mehr, um mich heute dafür zu
interessieren. Ich bin 60. Für mich ist das ein junges,
internationales, musikalisches Phänomen. Kann sein, dass
es seine Zeit überdauern wird, vielleicht auch nicht. Ich
verfolge das, wie jedes andere Phänomen auch. Als ich
jung war, also im Alter meines Sohnes, da gab es die
Beatles, diese Engländer, Johnny Halliday, Elvis Presley.
Dann war es vorbei mit diesem Phänomen und heute sind wir
beim Hip-Hop angelangt. Was mich daran stört, ist
eigentlich nur ihre Art, sich zu kleiden. Die gefällt mir
nicht. Diese weit geschnittenen Sachen!" Altersmilde
Skepsis, gelassene Toleranz. Offensichtlich gibt es keinen
Hassreflex auf Hip-hop, keinen sturen Grabenkrieg zwischen
Eltern und Kindern. Aber wie ist es mit selbstbewussten Mädchenrapperinnen:
Sind sie vielleicht der eine Dreh zu viel? Bevor ich
weiter fragen kann, stellt Redals Vater seine Hand flach
auf und sagt: Das waren genug Fragen, jetzt essen wir.
Selbstbewusste orientalische Frauen:
Eine unerwartete Lektion erhalte ich am nächsten Tag, im
Zug von Casablanca nach Marrakesch, wo ich Fnair
interviewen will, eine der arrivierteren Hip-hop-Bands.
Ich sitze allein in einem geschlossenen Abteil, dann
steigen zwei Frauen dazu. Ob ich sie ansprechen darf? Oder
bringe ich sie in eine unangenehme Situation?
Marokkanische Frauen studieren, sind arbeitstätig. Keine
rohen Eier! Aber ich bin doch verunsichert. Die beiden
nehmen mein Angebot an, ihre Koffer auf die Ablage zu
wuchten – die Gentleman-Nummer. Die ältere der beiden,
eine Frau um die 40, legt ihren Kopf schräg und schaut
dezent, was ich tue: ich notiere etwas in meinem
Notizbuch. Ich ergreife die Gelegenheit: "Ich komme
aus Deutschland und mache eine Reportage über
marokkanischen Hip-hop..." "Deutschland?",
hakt sie ein. "Dazu fällt mir Heideggers Sein
und Zeit ein, haben Sie das gelesen?" Nein, habe ich
nicht", gestehe ich, überrumpelt. Auf der Stirn der
Frau ringeln sich Haarschleifen. Selbstvergessen streicht
sie die Haare unter ihr moosgrünes Kopftuch. "Und
Nietzsche? Und Adorno, kennen Sie wenigstens dessen
Werke?" Sie feuert Frage um Frage ab, ihre
kajalumrandeten Augen verdrehen sich, dass nur das Weiße
zu sehen ist – ist sie genervt, oder aufgeregt, ist es
ein Tick? "Ich habe gehört, Deutschland sei das ausländerfeindlichste
Land der EU. Stimmt das?" Ich improvisiere eine
Antwort, bemerke selbst, dass ich unzusammenhängend und
widersprüchlich rede (wie auf diese ungewöhnliche These
antworten, mit all der deutschen Befangenheit?)
Selbstbewusstsein? Hinter den
Non-stop-Fragen, den pausenlosen Einwürfen scheint etwas
anderes zu stecken. Der Schaffner kommt und entwertet
unsere Zugtickets. Ich nutze die Gelegenheit, um nun
selbst Fragen zu stellen. Ja, sie sei studiert, arbeite
als Lektorin einer philosophischen Buchreihe. Stimmt, eine
marokkanische Mädchenband, das sei schon für sich etwas
ungewöhnliches. Könnte das nicht einen Wandel ankündigen?
Im Gefolge der Gesetzesänderungen? Die Frau seufzt und
verdreht die Augen. "Wandel, Gesetzesänderungen",
wiederholt sie in einem mütterlich-gütigen Ton, der Wut
kaschiert. "Beinah dreiviertel der marokkanischen
Frauen sind Analphabeten. Ich weiß nicht, wie da ein
Gesetz zu Wandel führen kann." Sie rollt ihr
Augenweiß hervor, und dann bricht sie ein Tabu. Sie sagt,
was sie über den König denkt. Vielleicht ist es die
Anwesenheit eines Ausländers, der wieder abreist, der
ihre freie Meinung nicht in Frage stellt? "Das Gesetz
ist allein für den Glamour da, um sich beim Westen
beliebt zu machen. Reine PR für den König. Gibt es
deswegen weniger Gewalt an Frauen? Nein! Was wir brauchen,
ist eine gute Schulbildung für Mädchen. Und das dauert.
Wenn es sich jemals ändert." Der Zug rollt übers
Land. Überalterte Wagen zuckeln die staubige Straße
entlang, die neben den Gleisen verläuft. Die Felder sehen
abgegrast und verdörrt aus. Der Zug rauscht an einem
Bauern vorüber, der mit einem Eselgespann vor der
geschlossenen Bahnschranke wartet. In einer langen Klage
erzählt mir die Lektorin, dass die Frauen in der Provinz
nicht aufgeklärt wurden. Sie hätten noch nicht einmal
mitbekommen, dass es eine neue Familiengesetzgebung überhaupt
gibt. Als sie 2004 eingeführt wurde, schaltete die
Regierung TV-Spotts, die die Neuerungen erklärten –
technisch gehaltene Clips, auf Details fixiert, ohne die
große Idee dahinter herauszustellen, auf Hocharabisch,
das nur die gebildete Elite spricht.
Die Youngsters, die schon seit einer
Stunde vor der Spor
th
alle auf den Einlass zum Hip-hop-Konzert warten, sind
mittlerweile an die 600 Personen. Die Karatekämpfer,
frisch geduscht, kommen mit großen Sporttaschen aus der
Halle. Ein dickbauchiger Mann mit einem
Walross-Schnurrbart, der Direktor der Sportanlage, hält
sie auf: "Moment mal! Ihr könnt hier nicht raus.
Wenn wir die Tore öffnen, kommen die Massen von draußen
hereingeströmt, und das sollen sie nicht!" Redal,
der das Konzert organisiert hat, blafft den Direktor an,
"wie jetzt, die dürfen nicht rein?" Der
Direktor hält eine der Eintrittskarten in die Luft und
sagt: Die sind gescannt, die sind nicht echt. Es waren 300
Gäste angekündigt. Die doppelte Menge kann ich nicht
verantworten. Das Konzert ist abgesagt, basta!" Die
Menge dröhnt wie ein Hornissenschwarm, einige pfeifen auf
den Händen, andere brüllen etwas. Es ist unterdrückte
Wut zu spüren, aber sie entlädt sich nicht.
Sicherheitsbeamte in schlammfarbenen Uniformen schieben
die Masse vom Eingangstor weg, langsam, routiniert. Die
Jugendlichen spuren, merkwürdig lautlos, wie Komparsen in
einer Choreographie. "Typisch Marokko!", ruft
Maria erregt. "Alles beschissen organisiert!"
Maria und Sofia sind blass vor Aufregung, aber dann fangen
sie sich schnell, lachen bald schon wieder, versuchen mit
Witzen den Reinfall zu verarbeiten, und fahren, jeder für
sich, nach Hause zu ihren Eltern.
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