Zainab Thorp, eine zierliche Frau Anfang 50, wartet in ihrem
Zelt auf Besucher. Sie ist gekleidet wie für einen Kampf:
mittelalterliches Lederkostüm, in der Hand eine massive
Axt. Draußen brandet Beifall auf. Über 10 000 Besucher
sind zum "Tolkien Weekend" nach Birmingham
gekommen, jener Stadt, in welcher der Dichter seine Jugend
verbracht hat. Auf dem Programm des einmal jährlich
veranstalteten Wochenendes stehen Darbietungen rund um die
Geschichten von Mittelerde: ein Verkleidungswettbewerb,
Showkämpfe mit Schwertern, Laientheater. Ein Magnet für
den Familienausflug.
Was ist so faszinierend an den Erzählungen
von Mittelerde? "Tolkien hat eine komplette Welt
erfunden, mit richtigen Landkarten und echten
Sprachen!", schwärmt eine junge Hobbit-Frau, deren Füße
mit Haaren beklebt sind. Zu den Attraktionen des Festes zählen
Ethno-Rapper vom indischen Subkontinent: Ein Didgeridoo
ertönt, die Musiker skandieren DHIRU! DHIRU KITA! TAKA!, der Sänger faucht Wortreihen ins Mikrofon - er
rappt die Geschichte des "Herrn der Ringe" nach.
Holt Tolkiens pathetisches Heldenepos ins 21. Jahrhundert.
Begeistert feuert das Publikum die Musiker an.
In Zainab
Thorps Zelt hingegen herrscht noch immer Leere. Sie ist
Expertin für Sindarin, eine der Kunstsprachen aus dem
"Herrn der Ringe". Im Auftrag der Veranstalter
soll sie einen Grammatikkurs über diese "elbische"
Sprache anbieten. In ihren Augen mischen sich Bedrücktheit
und Kampfesmut. Sie ahnt: Auf einem Familienfest Leute für
Linguistik zu begeistern, ist so hoffnungslos, wie DEN
RING durchs feindliche Mordor zu schleusen. Weshalb sie es
dennoch versucht? "Man kann sich in das Hirn des
Professors hineindenken. Und das macht einfach Spaß.
Mit "dem Professor" meint Mrs. Thorp John Ronald
Reuel Tolkien, den weltberühmten Schöpfer von
Mittelerde. Weniger bekannt ist, dass Tolkien Lehrer an
der Universität von Oxford war, wo er bis 1959
Altenglisch und historische Sprachwissenschaft
unterrichtet hat. Eine seiner wichtigsten
Forschungsarbeiten beschreibt einen Dialekt des
mittelalterlichen Englisch. Ein trockenes
Spezialistenwissen, mit dem Tolkien wahrscheinlich nie über
sein Fach hinaus bekannt geworden wäre. Das gelang ihm
erst mit seinem Epos "Der Herr der Ringe", das
er Mitte der 1950er Jahre in England veröffentlichte.
Für Tolkien aber war die Geschichte über Mittelerde, wie
Millionen Fans sie heute kennen, kein Zweck an sich. Was
ihn trieb, war linguistischer Eifer. Fantasiesprachen wie
das Elbische hatte er entworfen, noch bevor die erste
Zeile über Mittelerde geschrieben war. "Der Herr der
Ringe" - ein Nebenprodukt von Tolkiens
Sprachbegeisterung. Genauer gesagt: eine Folge seiner
Zweifel, ein Publikum für ein Grammatikbuch über die
Sprachen der Elben zu finden. Deshalb suchte Tolkien eine
Kulisse. Sein genialer Coup: Er erfand Geschichten hinter
den Geschichten. Über die Vergangenheit, von der die
unbedarften, geschichtslosen "Hobbits" nie etwas
geahnt haben.
Bis der Zauberer Gandalf kommt, ein pfeiferauchender
Schriftgelehrter wie sein Alter ego Tolkien, und
den kleinen Helden erklärt, dass ihre beschauliche Welt
eingebunden ist in ein gewaltiges Drama um Macht und Vergänglichkeit.
uch die Grammatik erzählt Geschichten hinter den
Geschichten. Sie sendet Botschaften aus längst
vergessenen Zeiten - und über die Vergänglichkeit der
Sprachen.
Tolkien beherrschte so unterschiedliche Idiome wie Gotisch,
Walisisch, Latein, Griechisch, Finnisch, Deutsch, Isländisch.
Alle diese Sprachen - außer dem Finnischen - sind
vergleichsweise eng miteinander verwandt und bilden die
indogermanische oder indoeuropäische Sprachfamilie. Sie
gehen allesamt auf ein und dieselbe Ursprache zurück, das
Proto-Indogermanische. Wie genau die Ursprache ausgesehen
hat, ist nicht belegt, Texte oder Inschriften gibt es
nicht. Wie Naturwissenschaftler, die die Bahnen von
Sternen bestimmen, "errechnen"
Sprachwissenschaftler, wie sie ausgesehen haben muss. Ein
unscheinbares Bindewort wie das deutsche "mit"
geht wohl wie das griechische "meta" auf ein
altes Hauptwort zurück, das "Mitte" bedeutet
hat.
Die Geschichte eines Wortes ist wie eine Reise durch die
Jahrhunderte, Kulturen und Sprachen. Auch Tolkien kannte
diesen Kitzel. Auch er hat Etymologie betrieben,
Wortgeschichten nachgezeichnet. Aber das war ihm nicht
genug. Statt nur reale Sprachen zu entschlüsseln, schuf
er mit dem Elbischen eine fiktive Sprachfamilie mit einer
gemeinsamen Ursprache, die er das Ur-Elbische nannte.
Damit konnte er Wortwurzeln ersinnen und Wörter daraus
ableiten. Auch einen Lautwandel hat Tolkien erfunden, von
"kw" nach "p". Die alte Wurzel kwet,
"sagen", wird in Noldarin-Elbisch zu peth,
"Wort". Noldarin ist zu dem Zeitpunkt, an dem
der "Herr der Ringe" spielt, bereits
ausgestorben.
Immer wieder schimmern im "Herrn der Ringe"
hintergründige Sprachbetrachtungen durch. Die Ents, die
sprechenden Baumwesen, reihen lange Wortketten aneinander,
wie laurelindórenan lindelorendor malinornélion
ornemalin. Wörtlich bedeutet dies: Gold-Ton-Land-Tal
Ton- Traum-Land gelb-Baum Baum-gelb, und kann übersetzt
werden als "Das Tal, wo die Bäume in einem goldenen
Licht singen, ein Land von Musik und Bäumen, es ist ein
baumgelbes Land". Dieser Bandwurm verkürzt sich in
der Sprache der Elben zu Lothlórien, dem
Elfenwald.
Linguisten wissen, dass auch natürliche Sprachen statt
einfacher Begriffe zunächst lange beschreibende Ausdrücke
wählen, die später zur Unkenntlichkeit schrumpfen. Unser
Wort Messer etwa ist aus zwei Wurzeln zusammengesetzt und
bedeutet wörtlich "Speiseschwert". Aus der
ersten Wurzel, mat[i], "Speise", sind
auch die Wörter Mettwurst, Mast und Mus entstanden. Der
zweite Wortteil von Messer, der "Schwert"
bedeutet, ist eng mit der Bezeichnung für das Volk der
Sachsen verwandt. Sie wurden nach ihrer Waffe, dem sahs,
benannt.
Zainab Thorp bemüht sich redlich, ihrem Sprachkurs Leben
einzuhauchen. Zwei Zuhörer haben sich eingefunden, und
ihnen versucht sie zu erklären, mit welchen Worten auf
Sindarin geflirtet wird. Was nicht ganz einfach ist.
"Niemand weiß, wie man das Verb lieben' grammatisch
korrekt bildet. Tolkien hat nie einen Satz wie 'ich liebe
dich' auf Sindarin geschrieben."
In Tolkiens kleinem Wörterbuch finden sich trotzdem
Hinweise. Die Wurzel mel- zum Beispiel steht für
Liebe". Tolkien notierte, welche Wörter aus dieser
Wurzel hervorgehen. In der Sprache Quenya, dem sogenannten
Elben-Latein sind es die Worte melme,
"Liebe", und melindo,
"Liebhaber", in der Sprache Noldarin ist es mellon,
"Freund". Nal- ist die Wurzel im Verbum nalla,
"rufen"; die Form "ich rufe dich" heißt
gen nallon, und "ich rufe" lautet nallon.
Wie bildet man also den Satz "Ich liebe dich"?
Richtig: gen mellon - auch wenn diese Lösung bis
heute umstritten ist.
Alle diese Herausforderungen musste auch David Salo
bestehen, ein Linguist von der University of Wisconsin-
Maddison: Für den Kinofilm "Herr der Ringe" hat
er Dialoge ins Sindarin übertragen. Die Fangemeinde hat
Salos Tun längst analysiert. Im Internet sind die Dialoge
Wort für Wort aufgearbeitet und farblich gekennzeichnet:
Grün geht konform mit "dem Professor", Blau
steht für Neuschöpfungen, die jedoch theoretisch
fundiert sind, und Rot für unbelegte Fantasiebildungen.
Es gibt viele rot markierte Stellen. Carl Hostetter, ein
NASA-Wissenschaftler, der als Kopf der konservativen
Tolkien-Linguisten gilt, zürnte mit Salo und sprach von
"Pseudo-Wissenschaft". Die beiden Experten
trugen ihren Disput in einer erbitterten Internet- Fehde
aus.
Aus derlei Konflikten hält sich Zainab Thorp, die
Sindarin-Dozentin, heraus. Sie will keinen Zank, sondern
Sprachgenuss. Sie übersetzt Gedichte aus dem Englischen
ins Sindarin. Das bedeutet Plackerei, Nachschlagearbeit,
notfalls auch Lautverschiebungen, um neue Vokabeln
"herzustellen". Mrs. Thorp betreibt all das, um
"dem Professor" näher zu sein. Aber auch aus
"Spaß am Unnützen", wie sie es nennt - in
ihrem Leben ein Leitmotiv. Vielleicht ist es eine stille
Revolte. Nach dem Abitur wollte Zainab Thorp Ägyptologie
studieren. "Du bist doch so gut im Englischen, warum
wirst du nicht Englischlehrerin? Das ist ein richtiger
Beruf!", sagte ihr Vater. "Muss denn alles nützlich
sein?", protestierte sie. Und die eigenwillige
Tochter belegte Ägyptologie - ohne Unterhalt von den
Eltern zu bekommen.
Die Idiome zu beherrschen, gelingt nur wenigen - so sie es
denn überhaupt wollen. Sie sind nichts für praktisch
veranlagte Wesen wie Tolkiens Hobbits, die nur nach
vordergründigem Nutzen schielen. Aber sie sind inzwischen
ein Muss für kommerzielle Fantasy-Projekte. Die
Produzenten der Science-Fiction- Fernsehserie "Star
Trek" engagierten eigens einen Linguisten, um eine außerirdische
Sprache zu entwickeln, jene der kriegerischen Klingonen.
Ein Sahnehäubchen für die Fans, das die Fantasiewelt der
Realität viel näher bringt, als es Kostüme könnten.
"Vielleicht wird Klingonisch eine neue
Weltsprache?", lautet eine hoffnungsvolle Frage, die
im Internet unter Star-Trek-Anhängern kursiert; die
Gemeinde benutzt eine eigene Fassung der Suchmaschine
"Google" - in klingonischer Sprache. Doch tatsächlich
ist die Sprachkompetenz wenigen Könnern vobehalten.
Der belgischstämmige Lieven Litaer ist so einer. Er gibt
Klingonisch-Kurse in Saarbrücken, rappt als "Klenginem"
auf Klingonisch und wurde engagiert, eine Internetseite
der "Deutschen Welle" ins Klingonische zu übertragen.
Aber eine Weltsprache, ein Alltagsmedium für Millionen
von Menschen, sieht anders aus. Könnte Esperanto diese
Rolle übernehmen? Begründet wurde die Kunstsprache durch
den Russen Ludwik Zamenhof Ende des 19. Jahrhunderts,
ursprünglich mit einer vergleichsweise einfachen
Grammatik aus nur 16 Grundregeln. Das Projekt ist immer
noch lebendig. Einige besonders überzeugte Anhänger
bringen ihren Kindern sogar Esperanto als zweite
Mutterprache bei.
>Schätzungen der Anzahl derjenigen, die Esperanto von
Kindesbeinen an erlernten, schwanken zwischen 200 und
2000. Die Zahl derer, die diese Kunstsprache als
Erwachsene erlernt haben, liegt bei zwei Millionen.
Vergleichbare Projekte, etwa das Solresol oder das Volapük,
haben weitaus geringere Sprecherzahlen.
Doch auch Esperanto ist der Durchbruch nicht gelungen.
Vielleicht, weil es eine starke europäische Schlagseite
hat. Die meisten Esperanto-Vokabeln sind durch hiesige
Sprachen inspiriert oder aus ihnen übernommen - wie
"dimanco" (vom französischen "dimanche",
Sonntag), "sed" (lateinisch "aber")
oder deutsche Wörter wie "nur" und
"nun". Da verwundert es nicht, dass 60 Prozent
der aktiven Sprecher, die Mitglied im "Esperanto-
Weltbund" sind, aus Europa stammen. Auch Tolkiens
Idiome gründen sich auf Sprachen, die er kannte, auf das
Finnische, das Walisische. Die Schöpfer bauen eigene
Sprachuniversen, aber dabei entkommen sie ihrer Herkunft
nicht. Und statt Sprachen für alle zu schaffen, erfinden
sie eine Heimat für einige wenige, die das Besondere
suchen.
Oder die endlich Herrscher in ihrer Welt sein wollen.
Zum Beispiel entwickeln viele Zwillingspaare eigene
"Geheimsprachen", die nur sie verstehen und mit
denen sie sich von der Außenwelt abschirmen können.
Dasselbe gilt auch für die zahllosen Kinder, die
untereinander mit selbst erfundenen komplizierten Verschlüsselungsregeln
re-e-le-fe-den-enle-fen (reden).
Denn wer sagt, dass Sprachen dazu dienen, von allen
verstanden zu werden? Zuweilen ist es befriedigender, in
der eigenen Welt von niemandem gestört zu werden.
nach oben