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Foto: Merlin Nadj-Torma
Rana und Rayan glauben nicht an den gleichen Gott, aber an ein Leben
zu zweit |
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Ranas Lippen suchen Rayans Mund. Rayan, der ein ganzes Stück größer
ist als Rana, neigt seinen Kopf und küsst sie auf die Wange. Dann dreht
er das Gesicht und sieht Rana in die Augen - küsst sie direkt auf den
Mund. Der Menschenstrom, in dem Rana und Rayan stehen, fließt weiter.
Unbeeindruckt. Niemand guckt, keiner fragt. Ein Kuss.
Rana kramt einen Stapel Flyer aus einem Karton. "Für ein
Zusammenleben ohne Trauschein!", "Für zivile Ehe!" steht
auf den Flyern. Mensazeit, Stoßzeit für den Wahlkampf an der
"Amerikanischen Universität" von Beirut. Ein Riesengebäude
in gehauchtem Rosa, Palmenalleen, liebevoll geschorene Rasenflächen.
Beverly Hills im Nahen Osten. "More! More! More!", klatscht
eine Studentenmeute vor einer Steintribüne. Eine Coverband mit
libanesischen Studenten spielt Oasis.
Der Libanon gilt als das westlichste der arabischen Länder. Viele
libanesische Frauen sind berufstätig. Vielerorts, wie hier an der Uni,
ist die Liebe frei. Und dann ist da noch Beiruts tabuloses Nachtleben.
Dort gibt es unverheiratete Pärchen, One-night-stands, Homosexuelle,
Transvestiten.
"Warum stehen wir hier eigentlich? Wir gewinnen ohnehin", sagt
Rana, eine 22-jährige Studentin, zierlich, mit kratziger Stimme. Ihr
Freund Rayan kneift ihr in die Hüften, sie kichert. Rana und Rayan
werben für "No frontiers, keine Grenzen" - damit sind die
Religionsgrenzen gemeint, die den Libanon zerteilen. Das Konzert ist
zuende, die Band stöpselt die Verstärker aus. Muezzin-Gesang wird
leise hörbar, dazu Hupen und Schreie - orientalisches Straßenchaos,
das vor den Campusmauern herrscht.
"Wir sind ein ungewöhnliches Liebespaar!", sagt Rana. Offiziell gehört
sie den Maroniten an, einer christlichen Kirche. Ihr Freund Rayan ist
Schiit. Eine Maronitin, die mit einem Schiiten geht? Ein verbotenes Pärchen
im Libanon. Es sind harte Bedingungen für die Liebe: Ein ganzes Land
muss aufpassen, dass es sich nicht in den Falschen verguckt. Eine
Liebesbeziehung, in der sich unterschiedliche Religionen mischen, gilt
als verpönt. Eine Einschränkung, die Verwicklungen garantiert - denn
im Libanon leben 18 verschiedene Religionsgemeinschaften. Ehen zwischen
den Konfessionen sind sogar verboten. Unehelicher Sex gilt als
schmutzig, dass man ohne Trauschein zusammenwohnt wird nicht geduldet.
Je weiter man sich von der Hauptstadt Beirut entfernt, desto mehr
dominieren die Vorurteile. "Wenn ich nachhause komme, in den Südlibanon,
gibt es da keine Christen", erzählt Rayan, Mitte zwanzig,
athletische Figur, Dreitagebart. "Angenommen, ich komme aus einer
traditionellen schiitischen Familie aus dem Süden und ich erzähle
meiner Mutter, dass ich mit einer Christin zusammen bin. 'Aha? Und wie
willst du heiraten?'" Ein Zungenkuss zwischen Rayan und Rana im
schiitischen Süden? Das wäre ein folgenschwerer Spaß.
Der Religion aus dem Weg gehen - das ist möglich im Libanon. Aber in
der Familie, in der Nachbarschaft, im Job ist die Gretchen-Frage nach
der Konfession meist entscheidend. "Hey you guys, was macht ihr
so?", fragt ein Student, der die Flyer in Ranas Hand gesehen hat.
"Wir engagieren uns für Demokratie und Menschenrechte. Dieses
Semester haben wir die Filme "Requiem for a Dream" und
"Bowling for Columbine" gezeigt, mit anschließender
Diskussion", erzählt Rana. "Cool", grinst der
Interessierte. Was hält er von der zivilen Ehe? "Das wäre natürlich
schön, wenn es das gäbe", antwortet er lakonisch. Dann geht er
schulterzuckend weiter. Heiraten ohne Kirche oder Moschee - im Libanon
bis dato bloß ein frommer Wunsch.
Die Spuren des libanesischen Bürgerkriegs von 1975 bis 1990 sitzen
tief. Damals kämpften die Religionsgemeinschaften offen gegeneinander.
Spannungen, die sich über Jahrzehnte aufgebaut hatten, kamen zum
Ausbruch. Seit 1990 herrscht ein kalter Frieden. Die Religion ist weiter
der Dreh- und Angelpunkt im Libanon. Doch die eigene Konfession wählt
man nicht, man erbt sie von den Eltern. In welchem Stadtviertel man
wohnt, welche Partei man wählt, bei welchem Jobangebot man reelle
Chancen hat - alles hängt von der Glaubenszugehörigkeit ab. Ob man
sich selbst als Atheist bezeichnet, wie Rana, spielt dabei keine Rolle.
"Ich glaube an einen Wechsel", gibt sich Rana kämpferisch.
Sie investiert mehr Zeit für die Partei als für das Studium. Sie hat
bereits für den "Daily Star" geschrieben, eine angesehene
Tageszeitung in Beirut. "Die eigene Heimat", sagt sie "
ist wie ein Kindheitsfreund. So intensiv ist es später mit niemandem
mehr. Man lässt sie nicht im Stich."
Ranas Partei "No frontiers" wird bei den Uniwahlen zu den
Gewinnern gehören. Die Partei ist beliebt. Ein liberales Leben nach
westlichem Vorbild, wie die Partei es propagiert, gilt unter den
Studenten als schick. Doch die amerikanische Universität, mit ihrem
internationalen Flair, ist nicht der Libanon. 15 000 US-Dollar zahlt
Rana für ihr Politologiestudium pro Jahr. Die Mehrheit der Libanesen
ist arm. Die Schuhputzer, die vor dem Campuseingang darauf warten, die
Schuhe der reichen Studenten auf Hochglanz zu bringen, verdienen zehn
Dollar pro Tag - und müssen damit eine mehrköpfige Familie
finanzieren.
Die libanesische Wirtschaft hat sich seit dem Krieg nicht wieder erholt.
Es gibt nur wenig Jobs. Das gilt selbst für Elite-Absolventen wie Rana.
Wer kann, verlässt das Land: "In unserer Clique waren wir ursprünglich
sieben Freunde", rechnet Rana vor. "Vier von uns arbeiten
inzwischen im Ausland."
Rana und Rayan schließen sich in die Arme, betäscheln einander. Die
Mittagspause geht zuende. Rana hält ihre Nase an Rayans Wange. Rayans
Lippen suchen Ranas Mund. Ihre Zungen finden sich.
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