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Was glaubt ihr denn?

Die Zeit vom 1. Oktober 2015. Von Thilo Guschas

Foto: JOTO
Foto: JOTO

Was glaubt Ihr denn?

Die Frage nach Gott. Als unser Autor, der Islamwissenschaftler Thilo Guschas, in einer Zelt-Unterkunft in Hamburg muslimische Flüchtlinge besuchte, stieß er auf heftiges Misstrauen. Er hatte junge Syrer gefragt, welche Rolle die Religion bei ihrer Flucht gespielt habe und welcher Flüchtling welchen Glauben nach Deutschland trage, "da brannte die Luft", so Guschas. Die Männer schimpften: Der Krieg in ihrer Heimat habe wirtschaftliche, politische, militärische Ursachen. "Warum fragst du ausgerechnet nach der Religion?" Wegen der islamistischen Milizen. "Das sind Terroristen, die den Islam missbrauchen. Wir Muslime haben damit nichts zu tun."

 

Ein heikles Thema also. Thilo Guschas, Jan Rübel, Fritz Schaap und Arndfrid Schenk haben sich gerade deshalb umgehört - in Hamburg, Berlin und an der türkischen Grenze.

 

 

"Ich habe Angst, dass die Gewalt sich fortsetzt"

 

Mein Name ist Josef, ich wurde mit meiner schwangeren Frau und unserem autistischen Sohn aus Mossul vertrieben. Der »Islamische Staat« duldet uns Christen im Irak nicht länger. Vor unserer Vertreibung schon war meine Schwester entführt worden. Unserem Priester, einem Freund der Familie, schnitten die Islamisten die Zunge heraus, danach zerstückelten sie ihn – weil er sich geweigert hatte, zum Islam zu konvertieren. Ein Cousin wurde aus demselben Grund erschossen. Mossul ist eine Millionenstadt, wir waren wohlhabend, besaßen Immobilien. Genauso wie die Grausamkeiten des IS erschüttert mich, dass mein muslimischer Nachbar jetzt unsere Eigentumswohnungen für sich beansprucht – nachdem wir Jahrzehnte gut miteinander auskamen. Warum? Die einzige Erklärung, die mir einfällt: Der Islam zeigt jetzt sein wahres Gesicht. Zuvor hat Saddam Hussein den Religionshass unterdrückt. Hier in Deutschland werde ich gefragt, wofür mein Gott steht. Ganz einfach: Für Liebe und Frieden! Und der Gott des Korans? Da kann ich nur verbittert schweigen. Ich habe Angst, dass die Gewalt sich fortsetzt. In der Flüchtlingsunterkunft fühlen wir uns zwar einigermaßen sicher, denn die Muslime haben Respekt vor Polizei und Ordnungskräften. Aber vor uns Christen? Ich hoffe, dass die Deutschen die Religionsfreiheit verteidigen. Wir waren ja aus dem Irak zuerst nach Jordanien geflohen, weil meine Frau von dort stammt. Ihr Vater, ein Christ, der zum Islam konvertiert ist, forderte das auch von uns, drohte uns Gewalt an. Als wir endlich in Deutschland landeten, erlitt meine Frau eine Frühgeburt. Das Kind ist nun auf einer Frühchenstation in Hamburg. Mein Containerzimmer im Flüchtlingsheim verlasse ich nur für Besuche im Krankenhaus.

 

Josef, 50 Jahre, ist Immobilienmakler aus Mossul, Irak, und lebt in einem Heim in Hamburg

 

 

Allah interessiert mich nicht besonders"

 

Was ist schlimmer: dass syrische Regime von Präsident Assad oder die islamistischen Rebellen? Manche glauben, dass ich als Sunnit zu den Islamisten halte, aber ich finde beide Gefahren gleich schlimm. Meine Familie fürchtete sich sehr, als der IS nach Jarmuk vordrang, das ist ein verlassenes Flüchtlingslager nur zehn Kilometer Luftlinie von unserem Haus in Damaskus entfernt. Das Regime wehrte sich mit Fassbomben. Da wusste ich, ich muss eine neue Heimat für uns finden. Also nahm ich einen Linienflug in die Türkei und irgendwie schaffte ich es, in Mersin auf ein kleines Boot zu kommen, das nach Italien fuhr. Darauf drängten sich 400 Männer, Frauen und Kinder. Während der fünftägigen Überfahrt hatten wir alle Todesangst. Ob ich gebetet habe? Ach, nein, Allah interessiert mich nicht besonders. Dass der religiöse Hass uns bis nach Deutschland verfolgt, glaube ich nicht. Normale Syrer sind froh, dem Krieg entkommen zu sein, sie werden hier auch nicht öfter in die Moschee gehen als zuhause. Warum auch? Wir haben andere Sorgen! Ich lebe jetzt ein halbes Jahr in Ahrensburg, wo ich Asyl bekommen habe, und war erst zwei Mal in der Moschee. Alle meine Gedanken sind bei meiner Frau, die noch mit den vier Kindern in Damaskus lebt. Unser jüngster Sohn Zein, jetzt ein Jahr alt, hat seit der Geburt ein 4mm großes Loch in der Herzscheidewand. Meine Frau schreibt Stromrechnungen im Auftrag des Regimes, aber seit zehn Tagen kann sie nicht mehr zur Arbeit, denn bei den Straßenkontrollen werden jetzt Iraner eingesetzt. Die willkürlichen Durchsuchungen an Checkpoints waren schon immer lebensgefährlich, aber die Iraner vergrößern die Gefahr. Erst in einem halben Jahr, Ende März 2016, hat meine Frau einen Termin in der deutschen Botschaft in Beirut – für die Familienzusammenführung. Eine endlose Zeit. Ich fürchte, dass der IS wieder nahe an Damaskus heranrückt.

 

Faissal, 38, ist Bauarbeiter aus Damaskus und ein sunnitischer Muslim